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„Am coolsten ist das Vortexen“

Foto: Gläsernes Labor
2026
Eine Woche, zwei Themen, viele Eindrücke: 25 Jugendliche tauchen im Gläsernen Labor tiefer in die Forschung zu seltenen Erkrankungen und Immunologie ein – etwa indem sie ihre eigenen Gene analysieren.
Stella schaut konzentriert auf das Reaktionsgefäß in ihrer Hand. Das hochgewachsene Mädchen steht an einer Laborbank des Gläsernen Labors auf dem Campus Buch. Das letzte Experiment der Gruppe „Seltene Erkrankungen“ in der Projektwoche des Gläsernen Labors läuft. Die 25 Jugendlichen im Alter von 13 bis 19 Jahren, die meisten aus Berlin und einige aus der Brandenburger Umgebung, wollen herausfinden, wie stark verdünnt eine Probe sein kann, damit ein PCR-Test noch Ergebnisse liefert. Die Konzentration in der Gruppe ist spürbar: Damit das Experiment klappt, müssen sie exakt und sicher pipettieren. Spaß macht es aber auch. „Das Vortexen eben war definitiv das Coolste in dieser Woche“, sagt Stella und wirft ihren langen blonden Pferdeschwanz lachend über die Schulter. Bei dieser Technik drückt man Proben auf einen elektrischen Rüttler bzw. Vortexmischer, der das Gefäß in schnelle Schwingungen versetzt. Das stellt sicher, dass sich die Bestandteile der Flüssigkeit gut mischen.
Diese Projektwoche ist etwas Besonderes, denn im Unterschied zum üblichen Kursprogramm des Gläsernen Labors findet sie nicht als Teil des Unterrichts während der Schulzeit statt, sondern in den Sommerferien. „Die Jugendlichen melden sich aus eigenem Interesse an, das ergibt eine ganz andere Dynamik“, sagt Diplom-Biotechnologin Ulrike Mittmann. Die Wissenschaftlerin betreut das Thema Molekularbiologie am Gläsernen Labor. Die Themen der Projektwoche, seltene Erkrankungen und Immunologie, sind auch Schwerpunkte des Deutschen Zentrums für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ), das die Projektwoche gemeinsam mit dem Gläsernen Labor und dem Max Delbrück Center im Jahr 2025 ins Leben gerufen und konzipiert hat. „Uns ist wichtig, dass junge Menschen den Forschungsalltag kennenlernen und verstehen, was konkret unternommen wird, um die Forschung für mehr Kindergesundheit voranzubringen“, sagt Dr. Nancy Freitag, wissenschaftliche Projektmanagerin beim DZKJ.
Zu Besuch im Forschungslabor
Der letzte Tag der Projektwoche geht mit viel Energie und mit einer gehörigen Portion wissenschaftlichem Input auf die Zielgerade. Stella und die anderen Jugendlichen haben in den vergangenen Tagen Grundlagen für die aktuelle Forschung gelernt und angewendet. Nun erfahren sie, wie dieses Wissen im Forschungsalltag angewendet wird. Dr. Kerstin Fentker, Postdoktorandin in der Forschungsgruppe Proteomik am Max Delbrück Center, stellte ihre vom DZKJ geförderte Arbeit zur Zystischen Fibrose vor, die wie viele seltene Krankheiten bereits im Kindes- und Jugendalter beginnt. Etwa drei bis fünf von 10.000 Kindern erkranken daran. „Ursache ist ein Gendefekt, der einen Ionenkanal auf der Zelloberfläche beeinträchtigt. Dadurch gerät der Salz-Wasser-Haushalt aus dem Gleichgewicht, zu wenig Wasser gelangt auf die Schleimhautoberfläche und in der Lunge bildet sich zäher Schleim“, erklärt die Forscherin. In diesem sogenannten Mukus vermehren sich Bakterien, immer wieder entstehen Infektionen und Entzündungen. Kerstin Fentker hat untersucht, wie zwei bestimmte Medikamente diese Prozesse beeinflussen. Ihre Ergebnisse können genutzt werden, um die Behandlung weiter zu verbessern und jungen Patientinnen und Patienten langfristig zu helfen.
Die Jugendlichen erfahren aber auch, welche Hürden es im Forschungsalltag geben kann. „Blutproben, die wir von kooperierenden Kliniken bekommen, können sich in ihrer Qualität erheblich unterscheiden. Wir merken sofort, wenn es größere Unterschiede bei der Verarbeitung der Proben gab“, sagt die Doktorandin Pauline Fahjen im anschließenden Gespräch mit den Jugendlichen. Bei großen Probenzahlen lassen sich solche technischen Unterschiede statistisch herausrechnen. Manchmal müssen Proben jedoch von der weiteren Analyse ausgeschlossen werden, wenn die Qualität zu schlecht ist. „Gerade bei Proben von Herzgewebe oder von seltenen Tumoren tut das richtig weh“, sagen die Forscherinnen.
Erbgut analysieren
Stella findet solche Einblicke und die vielen neuen Erkenntnisse „insgesamt sehr cool“. Die Schülerin, die für jeden Projekttag eigens aus Eberswalde in Brandenburg angereist ist, hat sich für das Thema seltene Erkrankungen entschieden, weil sie es wichtig findet, dass kranken Kindern auch dann geholfen wird, wenn nur wenige Menschen von ihrer Erkrankung betroffen sind. „Besonders gut gefällt mir, dass man die Themen richtig vertiefen und immer wieder nachfragen konnte“, sagt Stella. Spannend war für sie außerdem, dass auch „Wissen drumherum“ vermittelt wurde: zum Beispiel, wer die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) erfunden hat und wie sie weiterentwickelt wurde.
Die PCR ist eine wichtige Technik zur Analyse des Erbguts, deren Anwendung die Jugendlichen bei der Projektwoche erlernt und selbst mehrfach angewendet haben. Auch für Valentina, Elftklässlerin in einem Berliner Gymnasium, war die PCR eines der Highlights: „Es war toll, eine Technik zu erlernen und selbst einzusetzen, von der wir vorher im Unterricht nur theoretisch gehört haben. Gut gefiel mir auch, das eigene Genom zu analysieren“, sagt sie. Valentina stieß im Internet auf das Sommerferien-Angebot des Gläsernen Labors. Um drohender Langeweile in der schulfreien Zeit zu entgehen, hatte sie gezielt nach „etwas mit Biologie und Chemie“ gesucht.
Das Profil der Projektwochen weiter schärfen
Zum Abschluss der Projektwoche stellen die Gruppen „Seltene Erkrankungen“ und „Immunologie“ einander ihre Ergebnisse vor. Auch das Programm rund um die körpereigene Abwehr war vielseitig: Die Jugendlichen besuchten die Forschungsgruppe „Molekulare Genetik allergischer Erkrankungen“ am Max Delbrück Center, bestimmten ihre eigene Blutgruppe, analysierten weiße Blutkörperchen, wiesen das Erbgut von Erdnüssen in verschiedenen Produkten nach und testeten sich auf bestimmte Allergien.
Als Ulrike Mittmann in die Runde fragt: „Hättet ihr gerne einen Tag länger gehabt?“, erschallt ein einstimmiges „Ja!“ „Mehr Zeit wäre besser“, findet auch die Wissenschaftlerin vom Gläsernen Labor. „Spannende Diskussionen musste ich bremsen, damit wir fertig werden und wenigstens eine kleine Pause zwischendurch machen konnten“, sagt sie. Im Mai 2027 finden Feedbackgespräche mit dem DZKJ statt, bei denen das Profil der Projektwochen weiter geschärft werden soll. Das Zentrum wird die Projektwochen für zunächst weitere fünf Jahre mitgestalten und finanzieren. „Wir wünschen uns für diese Phase, dass es auch Angebote für Betroffene und deren Familien geben wird“, sagt Nancy Freitag vom DZKJ. Auch Stella hat Lust auf mehr: Sie ist entschlossen, in den nächsten Sommerferien wieder eine Projektwoche mitzumachen.
Text: Wiebke Peters